Neue Helden braucht das Land!

März 2014

Handlungsspielräume sehen, wo andere keine sehen

Hollywood spielt es uns immer wieder vor. Bruce Willis und James Bond kämpfen noch immer alleine gegen die Bösen, ein Mann (oder auch schon mal eine Frau) rettet die Welt! Die Reise des Helden ist ein uralter Mythos: der Ruf, der den Helden ereilt, die Aufgabe, vor dem man sich drücken will... alleine gegen einen unbezwingbaren Feind, aufgerieben zwischen Verzweiflung und Einsamkeit, schon mal verhauen, fast scheiternd, aber dann: wie ein Phoenix aus der Asche am Ende triumphierend! Die Realität allerdings schaut anders aus. 

Was sind die Voraussetzungen für Heldentum? Warum fühlen sich manche berufen, während andere den Kopf einziehen und den Krug an sich vorbeiziehen lassen? Studien haben herausgefunden, dass es weniger Prägung, Moral und Altruismus sind, die uns zu Helden machen - es sind die Umstände! 

Man schätzt, dass es etwa 20.000 von 80 Millionen Deutsche waren, die Hitler trotzten - so wie Helene Jacobs, Kanzleiangestellte, die während der Herrschaft des Nationalsozialismus Juden in Berlin gefälschte Pässe verschaffte, und sie mit Essen und Unterkunft versorgte - und dafür 1943 zu 2,5 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Ihr Beispiel zeigt: auch unter Extrembedingungen können ganz normale Menschen zu Helden werden.  Studien wie die von den amerikanischen Soziologen Samuel P. und Pearl M. Oliner, die etwa 700 Menschen befragte - Judenhelfer, Überlebende und Mitglieder einer Kontrollgruppe - legten nahe, dass Helfer vorwiegend fürsorglich sind, einen starken Gerechtigkeitssinn und eine „altruistische Persönlichkeit“ haben. Als auffälligste Merkmale nannten sie Mitleidsfähigkeit und Identifikation mit den Verfolgten. Die Forscher glaubten, dass die in der Kindheit und Schule erworbenen Werte und Einstellungen uns zu Helden oder Nicht-Helden machen. 

Dem widersprechen neuere Studien: der Sozialpsychologe Harald Welzer, Essen, untersuchte, wie Menschen in totalitären Regimen zu Widerständlern werden und wie sich Menschen in friedlichen Demokratien dem Druck der Masse entziehen können. Sie analysierten, dass Helfer im Dritten Reich in unterschiedlichen Gestalten auftraten, vom Pastor bis zum Gauner, von der Hausfrau bis zur Prostituierten. Dass es ein Teil ihrer Persönlichkeit war, der sie dazu brachte, konnten die Wissenschaftler nicht feststellen. 

Was brachte sie also dazu? Welzer: „Gemeinsam ist ihnen, dass sie Handlungsspielräume dort wahrnahmen, wo andere keine sahen. Und dass sie das konnten, lag zum geringsten Teil an ihrer Persönlichkeit. Es lag an den situativen Bedingungen und an sozialen Verpflichtungen.“ Oskar Schindler und Helene Jacobs wurden erst in der Situation zu Helfern gemacht: Nicht ihre Kindheit machte sie dazu, sondern ihre Bindung zu ihrem Chef und Mentor brachte Helene Jacobs dazu, dass sie nach und nach in den Widerstand geriet und zu dem wurde, was sie war. Sie war nichts weiter als eine pflichtbewusste Angestellte, die ihren Chef vor der Verhaftung schützen wollte und deshalb einen Beamten belog. Damit lernte sie, dass sie sich für andere einsetzen konnte, ohne selbst Schaden zu nehmen. Ebenso Oskar Schindler, der zunächst Reichtum mit gestohlenem Eigentum von Juden erlangte, und allmählich von der Spielernatur zu einem Mann wurde, der insgesamt 1.200 Juden auf die berühmt gewordene Schindler-Liste gesetzt hatte. 

Diese neuen Studien sind allerdings stark umstritten: was war zuerst da? Der Helferwille oder die Situation? Ist Heldentum angeborene Charaktereigenschaft? Definiert der Charakter den Unterschied zwischen Helfer und Mitläufer? Gibt es „Bausteine“ eines Helden in seiner Persönlichkeit? Oder sind es die sozialen Bedingungen? Ist Widerstand, wie der Soziologe Natan Sznaider aus Tel Aviv formuliert, immer ein Akt politischer und religiöser Freiheit, der nicht erklärt werden kann? 

Fakt ist, wir brauchen Helden! Ihre Einzigartigkeit, ihre Abgehobenheit gibt dem Wunder ein Gesicht, lässt uns emporschauen. Gerade nach dem Dritten Reich brauchten sowohl Opfer und Mitläufer Helden, zu denen sie dankbar aber auch die eigene Schuld entlastend emporschauen konnten. Heute ist das Heldentum demokratisiert, wir sehen den Helden als Mensch mit Zivilcourage. „Yes, you can!“ Das appelliert an uns, zu Helden und Heldinnen werden zu können, wenn wir wollen! Widerstandsfähiges, heldenhaftes Verhalten kann also gelernt werden. Gelegenheit macht nicht nur Diebe, Gelegenheit macht auch Helden! 


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