Projektfalle 1: die Komplexitätsfalle

Oktober 2014

Wer war zuerst da: der Stakeholder oder das Projekt?

„Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“
(Antoine de Saint-Exupery, „Die Stadt in der Wüste“)

Die Betroffenen wollen die Beteiligten sein!? Richtig, sie sollten frühzeitig ins Boot einbezogen werden. Ein gängiges Projektmanagement-Paradigma. Nur: was tut man, wenn das Boot voll ist? Wird das Boot zur Titanic? Anders gefragt:

Wer war zuerst da: das Projekt oder der Stakeholder?

Der systemische Overload

Krisen entstehen durch Menschen; Krisen können nur durch Menschen, durch direkte Kommunikation beendet werden. 

Was, wenn wir zurückgeworfen werden auf den „menschlichen Faktor"? Wenn wir uns ernsthaft mit so etwas wie „Bauchgefühl" und „Hausverstand" auseinandersetzen müssten? Hat das schon jemand erforscht - gibt es dazu Studien? Gibt es eine Studie, die „Hausverstand" als Wert vergleichbar mit „know how" und „earned value" misst?

Der menschliche FaktorSogar Pädagogen werden im Jahre 2014 einer Eignungsprüfung unterzogen. Stellen Sie sich vor, so etwas gäbe es für angehende Projektmanager. Was wäre der Inhalt der Eignungsprüfung? Würden Sie die Adepten Pläne zeichnen lassen, den kritischen Pfad errechnen lassen, den break-even errechnen lassen? Oder würden Sie den hoffnungsvollen Prüflingen vielleicht doch die Aufgabe geben, innerhalb von 4 Stunden mit begrenzten Mitteln (sagen wir: einer Flasche Wodka, 5 Schachteln geröstete Mandeln, Chips, 2 Kisten Bier und eines CD-Players mit WLAN) eine Party organisieren zu lassen? Und dann kommt Prüfling A mit einem herrlichen Plan, definierten APs, Meilensteinen, ein vorgedachtes Controlling... und Prüfling B hat coole Musik heruntergeladen, den Raum hergerichtet, eine Bar erstellt, und sich als DJ ins Szene gesetzt? Wenn würden Sie sich als Projektleiter wünschen?

Ich höre Sie - Sie sagen: „kommt drauf an". Kommt drauf an, ob ich einen Animateur suche oder einen akribischen Planer. Stimmt. Stimmt - solange Strom da ist...

... und dann ist der Strom weg.

Was nun? Prüfling A analysiert relativ rasch den Elektriker als Schuldigen, ermittelt mittels Risk Rating, dass vergessen wurde, eine Pönale zu bestimmen, ruft ein Auftraggebermeeting ein und übergibt Ihnen den adaptierten Plan, der errechnet, dass das Zeitziel des Projekts nicht mehr einzuhalten ist - mehr Personalressourcen sind erforderlich, um das Zeitziel einhalten zu können.

Prüfling B hat inzwischen 3mal gegen den CD-Player gedroschen, geflucht, einen beeindruckenden Urschrei losgelassen - und dann Kerzen organisiert, im Raum verteilt, angezündet und die Gäste animiert, die Stimmung mit Kinderliedern wieder aufzuheizen. Saint-Exupery

In einem Satz: nachdem der menschliche Faktor entscheidet, ist es ein Fehler zu versuchen, ihn kleiner zu machen. Die Lösung kann nur darin liegen, sich mit dem menschlichen Faktor aktiv auseinanderzusetzen. Die Tools dazu, Question Backlog, systemische Umfeldanalyse etc. gibt es.

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