Sündenböcke, Prügelknaben und Paraskavedekatriaphobie

September 2014

Die Kunst des Umgangs mit Problemen, Schuld und Verantwortung

Wenn etwas schief geht, ist der Schrei nach einem Schuldigen nicht weit. „Der Hofer war´s!“ (Wolfgang Ambros), „Wannst a Weh brauchst, ruaf mi an!“ (Worried Men Skiffle Group) hieß es schon in den 70ern. Schon im Alten Testament wird von der sog. Sündenbock-Strategie berichtet. Wenn im auserwählten Volk Gottes eine Sünde begangen worden war, wurde folgendes Ritual abgehalten: die Sünde wurde auf ein Tier, den sog. „Sündenbock“ übertragen; dieses wurde dann stellvertretend „in die Wüste geschickt“ (3. Buch Mose). Dadurch – so der Plan – wurde das Volk wieder von der Sünde gereinigt. Ähnlich im Mittelalter: da die verantwortlichen Erzieher die Kinder von Adeligen bei Vergehen nicht bestrafen durften, wurden arme Kinder statt des eigentlichen Verursachers für ein kleines Endgeld verprügelt - der edle Sprössling musste zusehen, wie der „Prügelknabe“ an seiner Stelle bestraft wurde. 

Mag sein, dass wir dieses Vorgehen belächeln. Aber machen wir nicht auch heute noch genau dasselbe? Wenn etwas schief geht, nicht klappt, sich nicht richten lässt – suchen nicht auch wir heute noch nach einem Schuldigen? Jemanden, an den wir unbewusst bzw. automatisch die Verantwortung für den Misserfolg abgeben können?

  • „Ich wurde halt über den Tisch gezogen!“
  • „Mit diesem Menschen als Partner musste es ja schiefgehen!“
  • „Bei solchen Projekten kann man einfach nicht...!“
  • „Man hätte am Freitag, dem 13., halt nicht damit anfangen sollen!“

Gerade letzteres Satz hat Tradition: in der skandinavischen Tradition platzte der Gott der Zwietracht, Loki, in ein Bankett und erhöhte damit die Anzahl der Gäste auf 13 - mit verheerenden Folgen. In der christlichen Tradition ist Freitag der Tag der Kreuzigung - auch Adam und Eva aßen an einem Freitag die verbotene Frucht und starben an einem Freitag (die Zahl 13 hat übrigens eine lange Tradition im Aberglauben - sie überschreitet das Zwölfersystem und ist eine Primzahl - im Volksmund wurde sie auch als „Dutzend des Teufels“ bezeichnet). Damit haben wir eine neue Ausrede:

  • „Ich leide an Paraskavedekatriaphobie!“

Dieses unaussprechliche, aber beeindruckende Wort bezeichnet die Angst vor dem Freitag, dem 13. Winston Churchill war ein prominentes „Opfer“, der „schwarze Freitag“ des Börsencrash 1927 begann zwar an einem Donnerstag (erreichte Europa aufgrund der Zeitverschiebung aber erst am Freitag); dass auch die Costa Concordia an einem Freitag, den 13. Jänner 2012, sank, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt...

Aber nicht nur Konkretes wie Menschen, Wetter, Datum müssen herhalten. Auch anonyme Kräfte eignen sich gut als Sündenböcke:

  • „Pech gehabt!“
  • „Die Sterne standen ungünstig.“
  • „In der heutigen Gesellschaft geht das nicht mehr.“

Und für die Esoteriker gibt es eine ganz neue Formel:

  • „Es sollte halt nicht sein.“
  • „Entschuldige meinen Ausraster - ich war außer mir.“ (ja, wo war der dann?).

Vervollständigen Sie - zu Übungszwecken - die Liste möglicher Ausreden für ein „einfaches“ Laster wie z.B. Übergewicht:

  •  das Essen
  •  das Wetter
  •  das Sternzeichen
  •  die Erziehung
  •  die Gesellschaft
  •  die Verführung durch andere
  •  der eigene Charakter
  •  die eigene Veranlagung
  •  die Hormone
  •  die Werbung
  •  die Lehrer
  •  die Zeit (fehlend, der Stress, das Wochenende...)
  •  die Umstände
  •  das System
  •  das Schicksal
  •  die Sucht
  • die EU
  • „es“

Kreativ, nicht? Eigentlich ein Wunder, das es irgendein Mensch schon geschafft hat, abzunehmen - wie hat der das bloß gemacht...?

 

 

 

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