"Think scrum!"

Dezember 2013

Agiles Projektmanagement in der Praxis

Keuchende Lungen, Schweiß. Hände auf Händen, Fäuste auf Fäusten. Die Köpfe gesenkt. Immer links vom Gegenspieler. Jemand gibt Anweisungen, die hinteren Reihen zwängen sich ins Gemenge. Es bewegt sich leicht nach vorne. Und dann kommt der Ball. Der vordere Mann versucht, den Ball mit den Füßen zu erwischen, alles bewegt sich wie von Geisterhand nach links. 20 Mann, 1 Ball. Und dann. Der Ball bewegt sich, rollt, wie magnetisch angezogen, zwischen stampfenden Füßen hindurch, einer freien Hand entgegen. Stimmen, Schnaufen, Spannung.

Das ist Scrum. Das Wörterbuch übersetzt mit „ordentliches Gedränge“. Eine Formation im Rugby - und der letzte Schrei im Projektmanagement... und was für eine Erleichterung!

Ich habe seit meinem Studium gehört, setze Ziele, fokussiere dich, baue auf Handschlagqualität... Später dann ein neues Wort: „Change Management“: verschriftliche Zieländerungen, kalkuliere veränderte Budgets, mach die Konsequenzen bewusst. Das Zeitalter der moving targets. All das war für mich Realität. Es war Wissenschaft. Und dann das: meine Frau. 

Jede gute Geschichte beginnt mit einer Frau (eigentlich auch jede schlechte Geschichte, also eigentlich jede Geschichte... für uns Männer.) Nichts von dem, was sie gestern gesagt hatte, hatte heute noch Gültigkeit. Nichts von dem, was wir vereinbart hatten, hatte Bestand. Ich schäumte. Das konnte doch nicht wahr sein! Wozu hatte ich Projektmanagement studiert? Worauf sollte ich mich noch verlassen? Wie konnte ich noch vertrauen, wenn alles jederzeit widerrufen werden konnte? Jemand sagte: „Typisch Frau!“ Das half zwar nicht, aber es bot ein Erklärungsmodell. Frauen sind halt anders...

Und dann eben SCRUM. Da kommt ein Japaner und erklärt recht salopp: „Vergiss deine großen Ziele!“ Was ist jetzt, in einem engen Zeitfenster, unter den gegebenen Möglichkeiten, bei diesen Rahmenbedingungen, der bestmögliche nächste Schritt? 

Das war´s? Das sollte alles sein? Ja! 

Meine Frau rief an. Eigentlich rief ich an. Sie wohnte damals in Oberösterreich, in einem kleinen Dorf an der Donau. Viel Landschaft. Dort arbeitete sie als Ärztin. Sie hatte an diesem Abend ein SMS geschrieben. Ein so kurzes SMS, dass ich wusste, etwas stimmt nicht. Ich rief also an. Sie: kurz angebunden, „passt alles“, „alles okay“. Ich wusste sofort: Krise! Ein paar Mal nachfragen, dann platzte es aus ihr heraus: Das Dorf, in dem sie wohnte,war ihr zu klein geworden, es fehlte ihr die Abwechslung, alle Freunde waren weggezogen, zudem streikte wieder mal das WLAN, sie konnte niemand erreichen, fühlte sich isoliert.... Kurzum, alles Sch***.

Wir diskutierten. Das heißt, ich hörte zu und lud sie ein zu schimpfen. „Lass es raus!“ Ja! Und dann suchte ich nach Lösungen. Ich wusste, ihr großes Ziel war Wien, war eine Zweitwohnung in der Stadt. In der Stadt, wo sie studiert hatte, wo ihre Freunde lebten, weil „alle anderen hatten ja so ein leichtes Leben“, alle... außer ihr natürlich. 

Was könnte die Lösung sein? Ich hatte die Wahl. Sie beschwichtigen, „ist doch eh alles okay, du hast ein schönes Haus, machst sinnvolle Arbeit, bist angesehen, hast Geld...“ Verlorene Liebesmühen. Sie vertrösten: „wir sehen uns eh am Samstag!“ Damit kam ich nicht durch. Zuviel Realismus gegen zuviel Negativität momentan. 

Und dann fiel mir eben SCRUM ein. Wenn das Ziel so weit weg ist, konzentriere dich auf den nächsten Schritt, schau, was unter den gegebenen Umständen möglich ist. 

Was war die Lösung? Die Lösung war, dass Sie am nächsten Tag nach Wien fahren konnte, sie konnte die Ordination am Dienstag früher schließen und am Mittwoch Vormittag hatte sie ohnehin frei. Sie sollte sich vorstellen, dass sie zu ihrer Wiener Wohnung fahren würde, so-tun-als-ob sie dort sowieso schon wohnen würde, Freundinnen treffen, bummeln, Kaffee trinken, einfach Stadtleben. Ohne reale Zweitwohnung, aber einfach so-tun-als-ob. 

SCRUM. Eine unermessliche Erleichterung. Keiner hatte Schuld, jeder hatte Recht. Eine einfache Antwort auf komplexe Situationen: schau, was jetzt, unter den vorhandenen Gegebenheiten die besten Möglichkeiten sind, was du jetzt tun kannst. Konzentriere dich nur darauf! Vergiss die noch exaktere Definition eines entfernten Ziels, vergiss das Feilen an einem komplexen Plan, schau, was der nächste Schritt in die richtige Richtung sein kann... und dann mach ihn!

SCRUM war passiert. 

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